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Prof. Dr.
Anton Deitmar

deitmar at uni-tuebingen.de
Fachbereich Mathematik
Auf der Morgenstelle 10
72076 Tübingen


Sekretariat:

M. Jung
Raum 5A23
+49 7071 29 78586
     

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Sommersemester 2018
AD ABSURDUM
Vergangene Semester


Ziele setzen wir uns nicht, um sie zu erreichen, sondern um auf dem Weg dorthin zu leben.



Verstehen heißt, Wissen über Bord zu werfen.

Thich Nhat-Hanh



Arbeitstag eines Mathematikers

Ich arbeite an einem Skript. Plötzlich kommt mir eine Aussage, am Vortag leichtfertig hingeschrieben, gänzlich unglaublich vor. Ich suche Gegenbeispiele. Erste triviale Beispiele widerlegen die Aussage nicht. Ich mache einen Plan zur Berechnung komplizierterer Beispiele. Die Rechnungen ufern aus. Es wird Mittag. Am frühen Nachmittag sehe ich, dass ich keine Gegenbeispiele bekomme. Ich denke nochmal über die Aussage nach. Jetzt scheint sie mir plausibel. Ob ich einen Beweis finden kann? Ich grüble. Da fällt mir eine alte, längst verworfene Konstruktion ein, seinerzeit für andere Zwecke gemacht, mittlerweile durch effektivere ersetzt. Nach längerem Nachdenken sehe ich, dass diese Konstruktion tatsächlich einen Beweis liefern könnte, wenn zwei Teilaussagen wahr sind. Ich denke über die Teilaussagen nach. Die erste kriege ich nach kurzer Zeit, die zweite ist widerspenstiger, ich brauche einen ganz anderen Ansatz. Während ich über diesen anderen Ansatz nachdenke, sehe ich, dass meine ursprüngliche Aussage, die die ganze Arbeit auslöste, eigentlich völlig klar ist. Ich denke darüber nach, wie ich diese neue Erkenntnis zu Papier bringe. Es wird Abend. Fazit eines Arbeitsages: Ich ändere ein Komma.



Da ist

der literaturbesessene Bauer, der,
seine Leidenschaft mit dem Beruf verbindend,
seinen Kühen nach der Fütterung
Gedichte vorliest, was diese
mit zufriedenem Mampfen quittieren.
Kunstliebhaber allemal.




Schmerzen

unter Schmerzen kommen wir in die Welt
unter Schmerzen gehen wir aus der Welt
und dazwischen
ist es auch nicht viel besser


(geschrieben anlässlich einer Depri-Phase meiner Tochter. Hat auch gewirkt: nach Vortrag des Gedichts war sie sogleich erheitert.)



Wenn es mir gelingt, den Augenblick zu fangen und meine Seele zum Stillstand zu bringen, dann wird sich von dem Moment an die ganze Welt um diesen Fixpunkt drehen.



Hölderlin

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
  Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern,

  
Und verstehe die Freiheit,
   
Aufzubrechen, wohin er will.



Man is willing to die for any idea, provided he does not understand it.

G.K. Chesterton



Eine Sache vollkommen zu verstehen und dieselbe Sache vollkommen mißzuverstehen sind zwei Dinge, die nicht immer vollständig voneinander getrennt werden können.

Robert Musil



You don't understand my philosophy!
But that is the way progress is made: each generation misunderstands the previous one.

Harish-Chandra



A hen is only an egg's way of making another egg.



If a man will begin with certainties, he shall end in doubts; but if he will be content to begin with doubts, he shall end in certainties.

Sir Francis Bacon



Die Universitätsverwaltung zum Physik-Fachbereich: Warum braucht ihr Jungs immer so teure Maschinen? Könnt ihr nicht so arbeiten wie die Mathematiker? Alles, was die brauchen, ist Papier, Bleistift und einen Papierkorb. Oder, noch besser, arbeitet wie die Philosophen. Alles, was die brauchen, ist Papier und Bleistift.



Dr. Fox erzählt Unsinn

Der Vortrag, den Myron L. Fox vor den versammelten Experten im Jahre 1970 hielt, trug den eindrucksvollen Titel Die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten. Und den Teilnehmern des Weiterbildungsprogramms der University of Southern California School of Medicine wurde Fox als »Autorität auf dem Gebiet der Anwendung von Mathematik auf menschliches Verhalten« vorgestellt. Er beeindruckte die Zuhörer mit seinem gewandten Auftritt derart, dass keiner von ihnen merkte: Der Mann war Schauspieler und hatte keine Ahnung von Spieltheorie.

Alles, was Fox getan hatte, war, aus einem Fachartikel über Spieltheorie einen Vortrag zu entwickeln, der ausschließlich aus unklarem Gerede, erfundenen Wörtern und widersprüchlichen Feststellungen bestand, die er mit viel Humor und sinnlosen Verweisen auf andere Arbeiten vortrug. Hinter dieser Täuschung standen John E. Ware, Donald H. Naftulin und Frank A. Donnelly, die mit dieser Demonstration eine Diskussion über den Inhalt des Weiterbildungsprogramms initiieren wollten. Das Experiment sollte die Frage beantworten: Ist es möglich, eine Gruppe von Experten mit einer brillanten Vortragstechnik so hinters Licht zu führen, dass sie den inhaltlichen Nonsens nicht bemerken? John Ware übte stundenlang mit dem Schauspieler: »Das Problem war, Fox davon abzuhalten, etwas Sinnvolles zu sagen.«

Fox war sich sicher, dass der Schwindel auffliegen würde. Doch das Publikum hing an seinen Lippen und begann nach dem einstündigen Vortrag, fleißig Fragen zu stellen, die er so virtuos nicht beantwortete, dass niemand es merkte. Auf dem Beurteilungsbogen gaben alle zehn Zuhörer an, der Vortrag habe sie zum Denken angeregt, neun fanden zudem, Fox habe das Material gut geordnet, interessant vermittelt und ausreichend Beispiele eingebaut. Die Tatsache, dass der Stil eines Vortrags über seinen dürftigen Inhalt hinwegtäuschen kann, hieß bald nur noch der »Dr.-Fox-Effekt«.

Auch nachdem die Zuhörer über die wahre Identität von Fox aufgeklärt worden waren, erkundigten sich einige von ihnen nach weiterführender Literatur. Der Vortrag – obwohl nichtssagend und als Betrug entlarvt – hatte durch seinen Stil offenbar das Interesse am Thema geweckt. Ware schlug darauf eine innovative Methode vor, die Motivation der Studenten zu steigern: Professoren könnten, anstatt selber Vorlesungen zu halten, Schauspieler dafür trainieren. In der Los Angeles Times schrieb daraufhin ein Journalist: »Diese Untersuchung hat Implikationen, die selbst ihre Autoren nicht bemerkt haben. Wenn ein Schauspieler ein besserer Lehrer ist, warum nicht auch ein besserer Parlamentarier oder sogar ein besserer Präsident?« Sieben Jahre später wurde Ronald Reagan Präsident der Vereinigten Staaten.

aus: ZEIT 16.09.2004